25 Jahre Global Village

 


Und die Welt wird zur Nachbarschaft

Einst in Zeiten des Kalten Krieges aus Angst vor dem Zusammenbruch der zentralen militärischen Kommunikation bei einem Atomschlag erschaffen, wuchs das World Wide Web innerhalb kurzer Zeit (1957 bis ca. 1997) zu einem weltumspannenden Netzwerk für Jedermann heran. Wurde es in den 1960er und 1970er Jahren noch als ARPAnet für die Forschung und den dezentralen Austausch von wissenschaftlichen Daten genutzt, so begann bereits ab 1980 die „Zweckentfremdung“ als Usenet, einem heute noch aktivem Vorläufer des Internets. Zwar waren auch die Newsgroups des Usenets ein Teil des damals nicht-öffentlichen WWW, jedoch trug es insgeheim bereits deutliche Züge einer höchst kommunikativen Online-Community, wie wir sie heutzutage kennen und schätzen.

Für die maßgeblichen Schritte zur kommerziellen und privaten Nutzung des Internets war vorallem ein Mensch verantwortlich: Sir Timothy John Berners-Lee (kurz: Tim Berners-Lee, oft auch TBL). Zu Beginn der 1990er Jahre erschuf der englische Physiker und Informatiker nicht nur die global gültige Auszeichnungssprache HTML (Hypertext Markup Language), er führte auch das HTTP-Protokoll ein. Von ihm stammen außerdem die ersten Ideen zur Entwicklung von Webbrowser und Webserver. Mit der ebenfalls von ihm erdachten URL (Uniform Resource Locator) war im Zusammenspiel mit dem 1984 eingeführten DNS (Domain Name Service) das Grundkonstrukt des modernen Internets geschaffen.

1990 wurde das Internet massentauglich. In diesem Jahr beschloss die National Science Foundation das Internet nicht mehr nur für Forschungszwecke einzusetzen. Mit der Freigabe des Netzes und dem Abschalten des ARPAnets konnte jeder das Internet nutzen. Nachdem die Microsoft Corporation 1995 ihren Browser Internet Explorer veröffentlicht hatte, stieg die private Nutzung des Internets sprunghaft an. Allerdings konnten die meisten Bürger, insbesonders in Deutschland, noch nicht viel mit dem Begriff anfangen. Es fehlten – wie so oft – das Vorstellungsvermögen und die Zukunftsperspektive. Das gewaltige Potential des WWW wurde von vielen verkannt. Ausgerechnet Firmen versäumten es häufig, sich mit dem neuen Medium vertraut zu machen. Wenngleich das damals oft vorgebrachte Argument, wenige Internetuser würden noch keine hohen Investitionen rechtfertigen, zunächst richtig erschien: Wichtig war die rechtzeitige Schaffung entsprechender Voraussetzungen. Dazu gehörte insbesonders die Registrierung mindestens einer eindeutigen Domain (TLD). Firmen, die diese notwendige Anschaffung verschlafen hatten, mussten später ihre Domainnamen als Markeninhaber auf gerichtlichem Wege erstreiten oder bestimmte Wunschdomains für viel Geld erwerben.

Internet vom Lande

Mit Blick auf die schleppende Entwicklung in Deutschland, ganz besonders bei der Nutzung des Internets durch Privatkunden und mittelständische Unternehmen „vom Lande“, beschlossen zwei junge Unternehmer aus dem niederrheinischen Voerde, als Global Village GmbH Internet-Provider zu werden. Sie sahen die Chance, mit der digitalen Vernetzung im infrastruktuell eher benachteiligten, ländlichen Raum neue und unabhängige Kommunikationswege zu schaffen. Von Anfang an verstanden sie sich als Full-Service-Provider. Neben dem Internetzugang wurden auch Domainregistrierung und das Hosting von Websites angeboten.

Das Projekt „Global Village“ entstand weniger aus einer allgemeinen Nachfragesituation vor Ort – der Bedarf musste erst durch Kommunikation geweckt werden. So kam es, dass die zwei Jungunternehmer im Frühjahr 1996 plötzlich bei mir „auf der Matte“ standen. Nach dem ersten Brainstorming traf man sich regelmäßig, mangels geeigneter Firmenräume, im elterlichen Wohnzimmer in Spellen, einem Ortsteil von Voerde. Dort hat die Firma bis heute ihren Sitz – in Spellen, nicht im Wohnzimmer, versteht sich. Diskutiert wurden Werbemaßnahmen für das Direktmarketing sowie die grundlegende Gestaltung der Firmenkommunikation, inkl. Logo, Wortmarke, Slogan und Homepage. Letzteres war selbst für gestandene Grafiker absolutes Neuland. Dementsprechend zwitterig geriet dann auch die erste Version der Internetpräsenz: eine von mir in mehreren Nachtschichten erstellte Bleistiftzeichnung namens „fiktive Dorfpartie“ wurde digitalisiert und in Photoshop per Hand koloriert. Die einzelnen Häuser konnten dann in der HTML-Version angeklickt werden.

Für das Corporate Design wählten wir zwei konträre Hausfarben aus, deren Symbolik eindeutig ist:

_ Dunkelgrün steht für den ländlichen Raum.
_ Orange steht für Technik und schnelle Kommunikation.

Das Logo sollte an einen Reise- oder Poststempel erinnern, durch die hierbei verwendete, angerauhte Typo im Detail an Luftpoststempel, um den kosmopolitischen Charakter des Unternehmens zu unterstreichen. Auch die (damals obligatorische) Weltkugel fand dort ihren Platz. Vor ihr bildet der Firmenschriftzug einen Horizont, an dem die Silhuette einer Großstadt zu sehen ist. Nunja, man schrieb halt das Jahr 1996 …

Alles im grünen Bereich: Ab dem Jahr 2000 wurden alle Publikationen und Werbemaßnahmen (z.B. ganzseitige Anzeigen) einheitlich grün mit negativer Typo und orangen Elementen gestaltet. Unten links das Original-Logo, welches noch heute, wenn auch in abgewandelter Form, genutzt wird.


 
Als Hausschrift für alle Puplikationen griffen wir auf einen Font zurück, den jeder Deutsche bewusst oder unbewusst kennt. Die DIN-Schrift findet sich auf allen Ortseingangsschildern in Deutschland. Da es diese Typo auch als schmale Variante gibt, eignete sie sich vortrefflich für textlastige Copies. Alles begann mit einem 6-seitigen Flyer, mit dem den Voerder Bürger*innen und Unternehmer*innen zunächst die Grundlagen des WWW erklärt werden sollten. „und die Welt wird zur Nachbarschaft“ war das von uns erdachte Leitmotiv dazu – ein Slogan, den der Provider bis heute benutzt. Kurz darauf wurde eine Reihe Mailings direkt an Firmen verschickt, deren Umschläge mit orangen Fischen bedruckt waren („Mit Netzen fängt man die meisten Fische“), was zumindestens für einige Neugier bei den Empfängern gesorgt haben dürfte. Da der Einkauf verifizierter Firmenadressen extrem kostspielig war, öffneten wir das Marketing für eine breitere Streuung mittels ganzseitiger Anzeigenmotive in allen gängigen Internetmedien. Besondere Angebote (z.B. anlässlich der Einführung neuer TLDs) wurden nachwievor mit eigens produzierten Themenflyern beworben. Mit Beginn der DSL-Ära, wurden Privatkunden immer wichtiger. Auch wenn sich unser schnuckeliger Slogan „DSL – Die schnelle(re) Leitung“ nicht dauerhaft einsetzen ließ (SDSL und QDSL via QSC [heute Qbeyond] ersetzten schon bald die herkömmlichen DSL-Leitungen), konnte sich die Global Village GmbH hier eine respektable Position inmitten der großen Player erkämpfen. Gegen Anfang des neuen Jahrtausends gab es in Deutschland noch viele Orte, an denen schnelles Internet aus diversen Gründen nicht verfügbar war. Der mittelständische Provider vom Niederrhein bot sich hier oft als Alternative an, besonders wenn es um ganz individuelle Lösungen ging (symmetrisches DSL, Standleitungen, Richtfunk usw.).

Über 15 Jahre haben wir die Global Village GmbH marketingtechnisch begleitet. Als Full-Service-Agentur war scape für die gesamte werbliche Kommunikation zuständig, inklusive der personellen Präsenz auf entsprechenden Kongressen oder Messen. Eine Zeit, auf die wir stolz sind und für die wir hiermit gerne danken wollen.
 

Aus unserem Archiv…

DSL – Die schnellere Leitung: Mit wechselnden Motiven wurde in Duisburg die Einführung von DSL beworben. Dank Kooperation mit der Kölner QSC AG konnte die Global Village GmbH DSL auch dort liefern, wo die Telekom noch nicht mit dem Ausbau begonnen hatte. Dies wurde in unseren anderen Motiven mit der Headline „Schalten Sie von Rot auf Grün“ augenzwinkernd kommentiert.


 

The New Green Deal: In den (damals) führenden Internetmagazinen, z.B. „Internet World“ oder „Internet Professional“ erschienen auf den Umschlagseiten U2 oder U4 (Rückseite) unsere ganzseitigen Anzeigen, die jeweils mit einem orangefarbenden Motiv für Wiedererkennung sorgten.


 

Responsive Ads: Die erste Generation von ganzseitigen Anzeigen hatten noch einen weißen Hintergrund. Non-konformistische Pinguine, der Kuckuck als Erfinder des Outsourcing oder das sprichwörtlich totgerittene Gaul – unsere Tiermotive sorgten für etwas Humor in der sonst so trockenen Werbewelt der Providerszene, meistens jedenfalls, denn das Motiv mit dem Küken brachte uns auch erboste Rückmeldungen von Tierschützern ein.


 

Direktmarketing: Die ungewöhnlich gefalzten Flyer der Mailings sprachen explizit die jeweiligen Empfänger an. Die Aussage war oft nur für diese zu verstehen, da sie sich auf szene-interne Vorgänge berief.

 

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Text: © H.C.Wichert
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