Ceterum censeo Vesalia esse delendam


Wesel am Rhein

Die einzige Stadt der Welt, die an einem Fluss liegt, aber nichts draus macht. Eigentlich finden sich drei namhafte Flüsse auf Stadtgebiet. Der Rhein und noch zwei andere. Unwichtig! Mit Wasser hat man es eh nicht so. Das eine ist schwarz und gut versteckt, das andere ein ewiges Biotop ohne Freizeitwert (und ohne ÖVP-Anbindung). Im innerstädtischen Heubergpark ist das Wasser grün. Einmal hat mein Hund davon getrunken. Er musste sich nach fünf Minuten fürchterlich übergeben. Der Arme! Wie das die dortigen Enten überleben bleibt ein Rätsel.

Warum Wesel nicht in „Öde Orte“, der Trilogie ausgewählter Stadtverrisse von Jürgen Roth und Rayk Wieland zu finden ist, mag so manchen Besucher wundern. Andererseits: vielleicht wäre das schon zu viel der Ehre gewesen. Die zwischen 1998 und 2003 erschienene Buchreihe war schließlich ein Bestseller. Wesel ist ja nicht mal öde, die Stadt hätte dem Erfolg vielleicht eher geschadet, auch deshalb, weil es in der ehemaligen Hansestadt keine Autoren gibt, die das Dilemma mit dem nötigen Biss beschreiben könnten. Tobi Dahmen hat in seinem herrlichen Comic-Debut „Fahrradmod“ die Stadt mit leisem Humor beschrieben. Nicht genug! Für Dieter Nuhr „riecht [es] noch wie früher“, womit er nur die Kläranlage meinen kann, welche man zwischen City und Rhein errichtet hat, damit ja niemand auf die Idee kommt, beim Sonnenuntergang gen der Überseekolonien Perrich und Werrich ins Schwärmen zu geraten. Heimatkrimiautor Thomas Hesse andererseits, standen alle Tore des offen. Einfallen hätte er können und die Stadt wüst beschimpfen. Doch bei seinen überdrehten Kriminalromanen blitzt zwischen den Zeilen zu viel verschmitzte Liebe zur Kreisstadt durch, deren abgrundtiefe Hässlichkeit er offenbar für belustigend hält. Seine sonst eher seichten Krimis muss er mit erstaunlichem gore wie z.B. satanischen Babyopfern und zerstückelten Leichen aufpeppen. Nein, das ist nun wirklich nicht mehr das Wesel, was wir kennen! Hier passiert doch nichts, außer einmal, als Deutschlands erster Horrorclown die Reisenden am Bahnhof begrüßte. Nein, weder in der Presselandschaft, noch in der Belletristik findet Wesel seinen verdienten Platz in der Schämecke. Chance vertan! Es mangelt eindeutig an der nötigen Bösartigkeit, die Wesel eigentlich als virtuelle Hassschrift verdient. In zu Buchstaben geballter Form packen und schütteln sollte man sie. In ihren Grundfesten erschüttern. Stattdessen gründet man Facebook-Gruppen namens „Du bist Weseler, wenn“ in der man sich nicht etwa gegenseitig bedauert, sondern ausschließlich darüber jammert, wie früh es schöner war. Als wenn! Aufregung in diese larmoyanten Selbsthilfegruppen kommt nur, wenn mal wieder (angeblich) irgendwo Giftköder gefunden wurden. Dann erwacht der preußische Korpsgeist der ehemaligen Garnisonsstadt und so mancher Sportsfreund fordert dann die sofortige Bildung einer Bürgerwehr, die an den zwei (!) Hundeauslaufzonen Wache steht. Dem Agitismus entgegnet man allerdings postwendend mit einer geckenhaften Diskussion darüber, wer beim Lynchmob mitmachen darf: Nur Weseler, auch Wesulaner, oder gar Weselinskis? Wer was ist, hat bis heute niemand wirklich verstanden, diese Haarspalterei dient ohnehin einzig und allein der eigenen Erhöhung. Man hat ja sonst nichts. Darum muss man bei jeder Gelegenheit „Stadtjubiläum“ feiern, egal wie krumm die Zahl auch ist. Ja, Wesel ist dermaßen Kaff, nicht mal Arno Schmidt hat es auf einem seiner Zettel zu „Mare Crisium“ vermerkt. Das stimmt natürlich nicht. Das mit dem Kaff zumindestens. Wesel versprüht bisweilen durchaus weltgewandten Charme. Die vergitterte Fressbude am Auesee zum Beispiel sieht aus wie ein Liquor Store in South Central, LA. Pommes straight outta Compton. Und „die Springendahl“ erinnerte bis zu ihrem Totalabriss an die Bronx. Sehenswert ist auch das Weseler Hafengebiet, einer der letzten Kriegsschauplätze Europas, wie man meinen mag. Wer den Gestank der bereits erwähnten Kläranlage überstanden hat, wird hier mit dem muffigen Geruch der Futtermühlen belohnt, welche – am Rande bemerkt – wie große Frühstückscerealien-Packungen aussehen. Ein Riese hat sie dort abgestellt, bevor er weiterzog. Länger als zum Frühstück wollte er wohl nicht bleiben.

Vesalia hospitalis!

Das gastliche Wesel. Was für ein hanebüchener Unsinn. Wen sollte man hier Willkommen heißen? Praktischerweise hat man das „Welcome Hotel“ vor den Toren der Stadt errichtet, so dass niemand in die Innenstadt muss. Es besucht sowieso keiner diese Stadt freiwillig. Und falls doch, ist das Schönste der nächste Zug zurück nach Düsseldorf oder Bocholt. Für die, die sich keine Fahrkarte leisten können, hat Hans Lipperhey tröstlicherweise das Fernrohr erfunden. Mit dem kann man auf der schönen Rheinpromenade flanieren und den Schiffen zusehen, wie sie nach Rotterdam fahren und vielleicht, wie einst Peter Minuit, nach New York.

Auch wer per pedes oder mit dem Fahrrad aus Osten kommt, wird sich wundern. Um solche Besucher fernzuhalten, hat man am stählernen Limes der Bundesbahn zwei Brücken errichtet, die schlicht unüberwindbar sind, die eine so steil wie die Eigernordwand, die andere so lang und brutal wie ein Marathonlauf in Bukarest. Wer es auf die Brücken schafft, kann immerhin die schöne Aussicht auf drei Hochhäuser am Bahnhof genießen. Die waren übrigens so hoch gebaut, dass sie der Richtfunkstrecke der Deutschen Post im Weg standen, woraufhin man einen Funkmast errichten musste, aus dem später der heutige, liebevoll (sic!) „Lange Heinrich“ genannte Fernsehturm erwuchs. Im Südosten trennt die Bahnlinie als blauhelmlose Buffer Zone zwei verfeindete Stadtteile, die City und „den Fusternberg“, wo es bezeichnenderweise eine „Reicher-Leute-Stege“ gibt. Das Gefälle ist hier nicht nur topografisch. Man versteht sich nicht gerade bestens. Zugang zum erhabenen Wesel-Ost gibt es nur über zwei finstere Tunnel mit halsbrecherisch steilen Abfahrten. Ach, was ist es doch schön da drüben! Gleich am Tunnelausgang begrüßt einen das „Quo Vadis“ und fragt den Wanderer voller Spott wohin er denn geht. Die Frage nach dem Warum stellt sich erst gar nicht. Die urige Kneipe an der Friedensstraße ist die letzte Bastion Weseler Abendkultur. Alles was einst Weseler Bürgern über den tristen Alltag hinweghalf – die „Kupferkanne“, der „Schinderhannes“, das „Tick-Tack“ oder die „Schickeria“ bzw. „Milchbar“ – ist längst Vergangenheit. Musste Buddy Peschen die Theken noch selber rauszureissen, geschieht das mittlerweile ganz von alleine. Das Gastronomiesterben hat alle(s) dahingerafft. Die Nachtbars liegen in Schutt und Asche, der Kornmarkt verwaist. Selbst das „Café Fehr“, einst kultureller Lichtblick in Domnähe, hat dichtgemacht. Viele Orte kultiger Geselligkeit wurden inzwischen ganz neuen Bestimmungen zugeführt und dienen jetzt als Friseurladen („Schinderhannes“) oder – wie könnte es in Wesel anders sein – als Beerdigungsinstitut („Schankwirtschaft Kamp“). Und in Fusternberg geht eh keiner mehr aus. Man bleibt man lieber unter sich. Im Reihenhausgarten am Grill ist es sicherer, obwohl marodierende Street Gangs wie die „Fusternberg Giants“ natürlich längst Geschichte sind. Trotzdem, die Hecken aus Doppelstabmatten können nicht hoch genug sein. Man weiß ja nie!

Auch von Norden kommend mag man sich der Stadt nicht nähern. Der Weg führt von „der Feldmark“, einer kaum erwähnenswerten Steppenlandschaft, direkt in diverse Industriekomplexe, die man strategisch zur Abschreckung direkt vor der Innenstadt platziert hat. Dass eines davon Kloschüsseln produziert, sei dabei nur der Ironie halber erwähnt. Wer es dagegen südlich ausprobiert, muss sich am Weseler Brückenkopf „Lippedorf“ durch ein winziges Nadelöhr zwängen. Dass man nicht gleich eine Zugbrücke installiert hat verwundert. Früher, vor 14/18, wurde hier im Süden wenigstens noch Brückenmaut verlangt. Um die aufgebrachten Autofahrer zu beruhigen, schiebt man im Lippedelta seit Jahren Sandhaufen hin und her, um eine Baustelle zu simulieren. Angeblich will man eine Ortsumgehung errichten, die gleichzeitig das andere Nadelöhr, die Rheinbrücke im Westen, entlasten soll. Als wäre die Trasse auf dem Bett der extra dafür verlegten Lippe nicht schon aberwitzig genug, soll die Strecke den Fusternberg als Tunnel unterqueren. Es liegt auf der Hand, dass es hier nur schleppend voran geht. Schließlich hat die neue Brücke über den Vater aller Flüsse eine Menge Geld gekostet. Nun steht sie da, und mit ihr die Autofahrer, denn an der unterdimensionierten Zitadellen-Kreuzung hat man nichts geändert.

Pauken, Plunder, Politik

An Festivitäten hat Wesel traditionell nicht viel zu bieten. Jedes Jahr im August veranstaltet man die ewig gleichen PPP-Tage, einen Trödelmarkt mit Rahmenprogramm, das hauptsächlich aus Kirmes besteht. Das inoffizielle Motto: Subalternität. Das offizielle: Pauken, Plunder, Promenade. Die Tage allerdings sind wenig satisfaktionsfähig. Man sieht hier nie irgendwelche Studenten mit Schmiss und Basstrommeln erklingen nur an den Fahrgeschäften. Ob der kommerzielle Ramsch, den die fahrenden Händler im Windschatten der stinkenden Kläranlage anbieten, als Plunder zu bezeichnen ist, soll der geneigte Besucher entscheiden. Die sogenannte Promenade am Rhein jedenfalls verdient ihren Namen nicht wirklich. Wen die Horden von adoleszenten Kirmesbesuchern, die behelmten Rentergangs und Kampfhundbesitzer noch nicht depressiv genug gemacht haben, kann dort den Stumpf der ehemals längsten Rheinbrücke Europas erklimmen. Wer sich jetzt noch daran erinnert, wie hier einst Züge von London bis nach Moskau rasten, der spürt, wie weit sich Wesel inzwischen von jeglicher städtischen Grandesse entfernt hat.

Um der Pein dieser Erkenntnis zu entfliehen, gedenkt man jedes Jahr der im 17. Jahrhundert dahingeschiedenen Hanse. Das Weseler Hansefest ist im Prinzip eine Wiederholung der PPP-Tage. Damit das niemand merkt, verkleiden sich die Ramsch-Händler standesgemäß. Dass dabei budgetbedingt Abstriche gemacht werden müssen, zeigt sich dann jedes Jahr im Oktober: Plötzlich ist die Stadt belagert von füllhornschwenkenden Barbaren, grölenden Marktschreiern in Fellumhang und Deichmann-Schuhen. Auch die hohe Politik macht mit. Als Räuber Hotzenplotz und Mutter Courage getarnt, begibt man sich unter das post-hanseatische Fußvolk. Dazu erklingen schaurige Moritaten. Wer lauscht und dabei historische Bilder Wesels anschaut, kann den ewigen Schmerz der Bürger nachfühlen. „Verbrannt ist alles ganz und gar“ (Hoffmann) – die Mathenakirche, das Clever Stadtschloss, die Komturei – als der Zweite Weltkrieg die Stadt in eine kraterübersäte Mondlandschaft verwandelte. Doch Jammern hat noch nie geholfen. An der damals bitter benötigen Nachkriegsbebauung wird bis heute gerne rumgemäkelt, dabei ist sie a) gar nicht so hässlich wie ihr Ruf und b) hatte man 75 Jahre Zeit, die Dinge zu ändern.

In der Theorie ist erfolgreiche Stadtplanung das Ergebnis nachhaltiger Politik im Rat. Konsequent wählt man deshalb in der Schalke-Hochburg Wesel seit gefühlten 100 Jahren SPD. Never change a winning team! Das Wirken der lokalen Sozialdemokraten im Stadtrat ist entsprechend stringent. Es richtet sich ganz nach der Lehre des heiligen Ludgerus – oder so ähnlich – was die Abstimmungen oft ziemlich vereinfacht. Es gibt auch eine beliebte Bürgermeisterin mit unbekanntem Vornamen, eine überraschend willfährige CDU sowie die obligatorische Kleinstadt-Opposition, zum Beispiel in Gestalt von Ulrich Kuklinski, dem „sachkundigen Bürger“. Doch auch der weiß: In einer Demokratie will Gut Ding Weile haben. Entsprechend behutsam geht es nämlich mit der Weseler Stadtplanung voran. Immerhin hat man nach vielen Jahren des Streitens Planens am Bahnhof ein öffentliches WC errichten können. Auch das potemkinsche Historische Rathaus am Großen Markt sei positiv erwähnt. An anderer Stellen geht es dagegen geradezu schildbürgerisch zu. Beim Thema Bäderpolitik zum Beispiel wurde schon so manche Idee wie eine Bleiente versenkt. Diese Provinzposse geht nun schon über mehrere Akte – Ende offen! Deshalb an dieser Stelle: to be continued

Titelbild: © H.C.Wichert – „Drei Hochhäuser in Wesel“, 2006

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