Hollywood: Das Ende demokratischer Fankultur


Ist das noch Fan-Service?

Das Streben der US-amerikanischen Filmindustrie war bislang geprägt von den bewährten Rezepten des liberalen Kapitalismus. Man vertraute auf einen über Dekaden gleichförmigen, wenngleich nicht zwangsläufig schlechten Stilmix, der mit seiner Verlässlichkeit Filmfans stets etwas mehr als zufrieden stellte. Regisseure wie Stephen Spielberg, George Lucas, Ridley Scott oder James Cameron entwickelten eine visuelle Erzählform, die mit der eingespielten Infrastruktur Hollywoods angemessen, bisweilen auch herausragend, umgesetzt wurde und nicht nur den alteingessenen Geldgebern (u.a. Walter Hill, Dino de Laurentiis, Harvey Weinstein) über Jahrzehnte viel Gewinn brachte, sondern dem Publikum auch Filmgenuss und beste Unterhaltung. Gerade die oft kritisierte Seichtigkeit des amerikanischen Films, also die perfektionierte Mischung von Action, Drama und Humor, machte ihn so erfolgreich. Es klingt vermessen, die Hollywood-Produktionen angesichts der z.T. doch sehr engagierten Meilensteine des Kinos als cineastisches Fast-Food zu bezeichnen, doch ohne negative Konnotation sind sie genau das, nämlich 90 Minuten relativ leicht verdauliche, auf Celluloid gebannte Phantasie – geschmacksintensiv zubereitet für einen unbeschwerten Kinoabend. Der Vergleich deutet zugleich an, woraus das Erfolgsrezept besteht: Eine reduzierte Auswahl bekannter Produkte (Action, Horror, Drama, Komödie) bei gleichbleibend guter Qualität (Produktion, Drehbuch, Cinematographie, Score). Damit gewinnt man zwar keine Michelin-Sterne (Cannes-Palmen), doch die Konsumenten sind zufrieden und bleiben der Sache treu. Aus marktwirtschaftlicher Sicht ein ideales Verhältnis.

Das Funktionsprinzip dieses Verhältnisses lag bis zur Jahrtausendwende in einer grundkonservativen und -demokratischen Ausrichtung beider Seiten. Die Produzenten lieferten das, was das Publikum mehrheitlich erwartete. Ästhetische oder visuelle Gewohnheiten wurden gepflegt. Auf Experimente wurde weitestgehend verzichtet – nur inhaltlich gab es mit der Zeit Bestrebungen, aktuelle Themen der jeweiligen Ära einfließen zu lassen, beispielsweise durch die Inklusion vorher tabuisierter Probleme wie Feminismus, Rassismus, Homosexualität, AIDS, Gewalt, sowie durch unterschiedlich deutliche Kritik an den USA selbst. Gerade bei den heiklen Themen eines gesellschaftskritischen Ansatzes bewies der amerikanische Film, mit welcher Leichtigkeit er auch solche Aufgaben im Sinne eines konsumtauglichen Endproduktes zu lösen vermochte. Der von Filmkritikern oft verschmähte kommerzielle Erfolg ist dabei eindeutig kein Beleg für eine allzu oberflächliche Behandlung von tiefgreifenden Problemen. Im Gegenteil: thematisch und emotional anspruchsvolle Filme (z.B. Die Farbe Lila, Philadelphia, Schindlers Liste) waren mindestens so erfolgreich wie Hollywood’s Action Kino. Auch hier lag dem Erfolg der beiden eigentlich grundverschiedenen Genres ein konservativer, immer gleicher Grundaufbau von „Gut gegen Böse“ zugrunde, welcher die Konsumenten nicht überfordern wollte.

Das amerikanische Kino hat sich selbst in erster Linie als erlebnisorientierte Unterhaltung definiert. Moralinsaure Botschaften, wie man sie aus den deutschen „Problemfilmen“ kennt, wurden vermieden, man beschränkte sich auf die Vermittlung von Grundtugenden – oft christliche Werte – insbesonders bei Filmen für die jugendlichen Zuschauer (z.B. Highschool-/Bully-Filme).

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Eine typische Barnlight-Szene im amerikanischen Film – hier sogar mit drehendem Ventilator im Gegenlicht (links Mitte) – „Days of Thunder“ R: Tony Scott, © 1990 Paramount Pictures

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Im Rückblick war der amerikanische Film ein durch und durch populistisches Medium, bei dem komplexe Themen durch eine umfassende Vereinfachung für ein möglichst breites Publikum aufbereitet wurden. Um eine treue Fankultur aufzubauen, etablierte man ikonische Stilmittel, die man in späteren Produktionen wiederholte. Beispiele dafür sind die typische amerikanische, „gelassene“ Schnittführung, vergleichsweise orthodoxe Kameraperspektiven oder stimmungsvolle Lichteffekte („Barnlight“). Ebenso wurden festgelegte Rollentypen, stets den simplen Gegensätzen des Dualismus folgend, eingesetzt: der gutaussehende Held im Kampf gegen den entstellten Killer, die starke Frau gegen eine chauvinistische Männergesellschaft, ein Sheriff gegen Kleinstadtgangster, Nerd gegen Bully, Schwarze gegen Weiße, CCCP gegen die USA. Die Produzenten bewiesen dabei ein subtiles Gespür für die richtige Balance zwischen Konservierung und Erneuerung. Behutsam erfuhren klassische Filmsparten Updates, ohne den Fans vor den Kopf zu stoßen. Meistens dachten sich dafür engagierte Drehbuchautoren immer neue Konstellationen aus, in denen sie die etablierten Charaktere positionierten. Zum Teil wurden auch Genres neu kombiniert (z.B. Horror-Komödien), um weitere Möglichkeiten auszuschöpfen. Dennoch achtete man auch dabei auf einen respektvollen Umgang mit dem Publikumsgeschmack, ein Prinzip, das man vom Fan Service (ファンサービス), dem in der japanischen Populärkultur allgegenwärtigen corporate commitment, übernahm.

Bollocks!

Gut 20 Jahre nach der Jahrtausendwende ist nichts mehr wie es war. Hollywoods Filmemacher scheinen z.T. völlig den Verstand das Feingefühl für einen respektvollen Umgang mit dem Empfinden ihres Publikums verloren zu haben. Ihr würdeloses Verramschen des cineastischen Erbes ist inzwischen nicht nur eingeschworenen Filmfans ein Dorn im Auge. Zunächst versuchten die Studios den Umsatzrückgängen der 2000er Jahre durch „Sparsamkeit“ zu begegnen, in dem sie entweder alte oder ausländische Kassenschlager neu verfilmten – leider meistens ohne Sinn und Verstand. Ganze Filmserien wurden importiert und, überflüssigerweise stilistisch „amerikanisiert“, auf den Markt geworfen (z.B. Ring; Original: リング [ringu], Japan 1998). Man bediente sich im gesamten Ausland, beispielsweise in UK, Japan, Deutschland und Dänemark, wobei die Qualität der Adaptionen von sehenswerten Interpretationen (Secret in Their Eyes; Original: El secreto de sus ojos, Argentinien 2009) bis zu eher fragwürdigen Remakes (NY Taxi; Original: Taxi, Frankreich 1998 oder Godzilla; Vorlage: ゴジラ [gorija], Japan) reicht.

Neben den zweifellos missratenen Versuchen, altgedientem Kulturgut wie Star Wars oder Star Trek neues Leben einzuhauchen, und den völlig CGI-überfrachteten Comic-Verwurstungen, die sowieso nur noch plumpe Vermarktungsmaschinen für das Merchandising sind, ebenso dem hundertsten Disaster einer Stephen-King-Verfilmung, ist Godzilla wohl eines der besten Beispiele, wie man den Fan Service sang- und klanglos über Board geworfen hat. Statt einer charmanten Popcorn-Version des japanischen Kultmonsters wurden sämtliche Gorija-Traditionen, die mittlerweile ja auch dem westlichen Publikum ans Herz gewachsen waren, irgendwelchen kurzweiligen Modernitäten geopfert. Der neue Godzilla wirkt irgendwie fremd und schal. Offenbar haben die Produzenten seit Roland Emmerichs unbeliebter Jurassic-Park-Ausgabe des Monsters nichts dazugelernt.

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Wow! Wow! Godzilla sieht jetzt aus wie ein steroider Echsenmann mit Hundekopf – Pikachu wie eine geschminkte gelbe Katze … Was die Fans dazu sagen, scheint in Hollywood niemanden so recht zu interessieren. © 2014 Warner Bros. · © 2018 Nintendo/The Pokémon Company/Warner Bros.

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Das Gute ™

Bei der Wiederaufbereitung älterer Erfolgsgeschichten orientieren sich die Studios offensichtlich am Videospielmarkt, dessen frei interpretierendes Genre viel Raum für waghalsige Änderungen bietet. Was im rein digitalen Abbild der Wirklichkeit funktioniert, kann aber in Kombination mit Realaufnahmen scheitern, vorallem, wenn die Montage von Kulisse und echten Personen nur noch per greenscreen geschieht. Selbst die digital trainierten Gehirne jüngerer Generationen weigern sich, bestimmte Animationen als echt (wirkend) zu akzeptieren. Dies erfüllt nicht die Erwartungen, die wir Menschen bei Kinoproduktionen im Sinne einer Wiedergabe der, wenn auch fiktiven, Realität haben, zumal der Versuch, derartige technische Hinlänglichkeiten durch überbordene Actionszenen zu kaschieren auf Dauer ermüdend wirkt. Der psychologischen Schockeffekt, den die Zerstörung einer Metropole im Endkampf von Gut und Böse einst erzielen konnte (z.B. Godzilla, R: Ishiró Honda, 1954) ist seit dem Einsturz des Zwillingstürme in NYC auch durch visuelle Steigerung nicht mehr reproduzierbar. Trotzdem werden solche Szenen in jedem Actionfilm mantrahaft wiederholt, wobei man sich gegenseitig beim Unfang der Zerstörung zu überbieten versucht. Somit entfernt sich der aktuelle Film immer weiter von dem bewährt erfolgreichen post-apokalyptischen Thema, bei dem der Untergang der Welt nicht (oder nur bruchstückhaft) gezeigt wurde. Darin, dass man solche Szenerien nicht mehr der Phantasie des Zuschauers überlässt, zeigt, wie weit die Entmündigung des Publikums bereits fortgeschritten ist. Ebenso schenkt man der eigenverantworlichen Bewertung der Figuren durch die Zuschauer kaum mehr Vertrauen, d.h. das Gute und das Böse werden jeweils ausdefiniert und bis ins Detail erklärt, eine moralische Einordnung wir zudem oft vorweggenommen. Gut ist, wer dem Zeitgeist folgend politisch korrekt ist. Entspricht die Vorlage nicht diesem Anspruch, wird sie rigoros verändert. Die anlasslose Penetranz, mit der man sich dabei bestimmten „Geschmäckern“ anbiedert, ist für Fans kaum noch zu ertragen. Ein im Kung-Fu-Stil herumwirbelnder Meister Yoda oder der breakdancende R2D2 (Die Rache der Sith, 2005) mögen in Kinderaugen ja noch lustig gewirkt haben – weibliche Ghostbusters und ein schwarzer Heimdall (Idris Elba in Thor, 2011) ließen selbst liberale Kinoenthusiasten mit den Augen rollen. Die Berücksichtung der Interessen von Minderheiten ist zweifellos zu begrüßen, nicht aber die Ignoranz, mit der man z.Z. den mehrheitlichen Geschmack des Publikums straft. Es bleibt zu hoffen, dass man aus den rückläufigen Umsätzen (Gostbusters II z.B. bescherte den Produzenten ca. 70 Millionen US-Dollar an Verlusten ) lernt und zu einem ausgewogenem Verhältnis zurückkehrt.

Link-Tipp: Rob Ager
Der Filmanalytiker und -kritiker Rob Ager behandelt das Thema unter dem Titel „26 reasons why post-millennial movies are so awful“ auf seinem YouTube-Channel Collative Learning. Meiner Meinung nach eine fundierte kritische Betrachtung des zeitgenössischen Films.

 

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Text: © Hans-Christian Wichert

Titelbild „Detective Pikachu“ © H.C.Wichert