Erinnerungen an Typo Fröhlich II


Die kobaltblauen Satzmaschinen

Im alten Satzbereich, wo Christian F. mit seinem Wollpullunder und der einbeinige Herr R. eisern Regie führten, standen entlang der Fenster drei monolithische Computer, königsblaue Monster, die den Schreibtisch auf dem sie standen gleich mit eingebaut hatten. Kann etwas retro sein und gleichzeitig futuristisch aussehen? Nun ja, die Satzmaschinen von Compugraphic konnten das spielend. Sie stammten aus den 1980er Jahren und erfüllten – trotz ihrer astronomisch teuren Technik – nur einen Zweck: Blocksatz! Damals, als anderswo noch mühselig mit Blei oder Licht gesetzt wurde, waren die Compugraphic-Workstations wahre Meister des erzwungenen Blocksatzes, eine Aufgabe, die sie mit erstaunlicher Präzision und sekundenschnell auf Knopfdruck erledigten. In Hinblick auf Kerning, Umbruch und Trennungen waren die Geräte allen Mitbewerbern überlegen. Selbst heute können sich die Ergebnisse noch sehen lassen. Da das System derart ausgefeilt war und kaum schriftsetzerische Fähigkeiten verlangte, saßen hier drei ältere Damen, die stundenlang Manuskripte abtippten. Diese stammten von einem bekannten Verlag, der monatlich oder sogar wöchentlich „Groschenhefte“ der Trivialliteratur herausbrachte, vorwiegend Liebes- und Arztromane. Ein Heftroman hat immer 64 (löschpapierartige) Seiten, die 2-spaltig im Blocksatz bedruckt sind. Hierfür eigneten sich die Compugraphic-Maschinen vorzüglich, denn typografisch gab es auf den Inhaltsseiten nichts zu gestalten und das Korrektorat war angewiesen, großzügig über unschöne Trennungen hinwegzusehen. Dementsprechend wenig musste an den Satzfahnen herumgefummelt werden.

Die Maschinen von compugraphic waren neben AM/Varitype und Mergenthaler Linotype maßgeblich für die revolutionäre Abkehr von Hot Type hin zu Cold Type verantwortlich. Hatte man bis Mitte der 1970er Jahre noch überall mit fauchenden Zeilengießmaschinen gearbeitet, bei denen ganze Textzeilen direkt nach der Eingabe aus heißem Blei (daher hot type) gegossen wurden, drohte dem Schriftsetzer von nun an keine Bleivergiftung mehr: die Herstellung akkurater Druckvorlagen gestaltete sich sauber und sicher. Doch während Varitype auf mechanische Lösungen setzte, und Linotype u.a. den Zwischenweg des Photosatzes wählte, investierte man bei compugraphic von Anfang an in computergestützte Satzverfahren.

Da das Auftragsvolumen für den Heftroman-Verlag gewaltig war, hatte man bei Typo Fröhlich direkt in eine weitere, damals ultramoderne Technik für die Offsetfilm-Belichtung investiert. In einer eigens dafür vorgesehenen „Dunkelkammer“ (in Wohnzimmergröße) stand eine DigiSet der Fa. Hell, eine schrankwandgroße Maschine, die Rollenfilme in irrsinniger Geschwindigkeit belichten konnte. Anders als bei den damals gängigen Diatype- oder Berthold-Belichtern, wurden die Buchstaben nicht einzeln durch Spiegelschablonen „gebildet“, sondern schriftträgerlos durch ein computergesteuertes Lenken des von Linsen stark gebündelten Kathodenstrahls. Dafür befand sich im Inneren eine monströse Apparatur, die mich immer an Goldfingers Laserkanone erinnerte. Mit der Hell’schen Digiset war es möglich, die für Heftromane benötigten zweispaltigen Satzspiegel seitenweise ohne Filmmaterialtransport auszubelichten, d.h. der Film wurde nur nach jeder fertigen A5-Seite bewegt. Am anderen Ende der Maschine quollen die Seiten derartig rasant heraus, dass so mancher Auszubildener Mühe hatte, das zu entwickelnde Filmmaterial vernünftig aufzurollen.

Im Jahre 1994, lange nachdem Laserbelichter die CRT-Technik überflüssig gemacht hatten, wurde die einst so überlegene Maschine entsorgt. Und mit ihr die kobaltblauen Compugraphic-Terminals.

Titelfoto: © Florian Hardwig

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