Erinnerungen an Typo Fröhlich IV


Elektronische Winkelhaken

Gutenbergs oller Winkelhaken, für den Hermann Berthold einst den Keilhebelverschluss erfunden hatte, war längst in die Keller obskurer Akzidenzdruckereien verbannt worden, als computergestützte Satzsysteme mit opto-mechanischen Ausgabegeräten (Druckfilmbelichter) die Typeshops dieser Welt übernahmen. Vorbei war damit auch die Zeit der fauchenden Zeilengießmaschinen – ebenso die der von Berthold 1958 eingeführten Diatype-Methode (Phototypesetting). Der Wandel vom Hot Metal zum Cold Type war endgültig abgeschlossen. Neben dem großen, vorallem international etablierten Konkurrenten Linotype war die H. Berthold AG aus Berlin zweifellos die innovativste Kraft im Schriftsatz, was auch mit der typografischen Historie der ehemaligen Messinglinienfabrik zusammenhing. Der Firmengründer hatte nicht nur das deutsche Didotsystem mit einem Urmaß – dem Typometer – vereinheitlicht, er hatte die Aktiengesellschaft in Bleisatzzeiten zur größten Type Foundry der Welt gemacht. Die namhaften Schriftdesigner dieser Ära entwarfen exklusiv für Berthold Fonts, die bis heute erfolgreich sind, beispielsweise – jahrzehnte vor dem Siegeszug der Helvetica – die serifenlose Akzidenz Grotesk. Eng verbunden mit der Schriftgießerei war der renommierte Schriftgestalter Günter Gerhard Lange. Die von ihm für den Fotosatz neu aufgelegten und in diesem Zuge grafisch überarbeiteten Bleisatzschriften Baskerville, Bodoni (Old Face), Caslon, Garamond oder Walbaum erfreuen sich bis heute großer Beliebtheit.

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Anfang der 1970er Jahre hatte sich die H. Berthold AG weitgehend von einer Schriftgießerei in eine Maschinenfabrik gewandelt, die sich von nun an der Herstellung von Fotosatzgeräten widmete und ihre Fontsammlung für die opto-mechanische Verarbeitung umwandelte. In diesem Zuge wurden mehrere tausend Schriftschnitte überarbeitet und von Blei auf verspiegelte Schriftschablonen aus Glas transferiert. Diese Schriftvorlagen waren zunächst rund (Diatype/Diatronic), wobei alle Zeichen und Sonderzeichen der Schrift radial in mehreren Ebenen um die Halterung in der Mitte angeordnet waren. Später gab es rechteckige Formate, die in etwa die Größe einer Spielkarte hatten und wesentlich handlicher waren. Darüberhinaus konnten diese in das Karussellmagazin der modernen Berthold-Belichtern „geladen“ werden, womit die Ausbelichtung verschiedener Schriftschnitte und Schriftarten in einem Durchgang möglich war. Enthielt ein Satzdokument beispielweise drei Schnitte der Times – book, bold und italic – so musste das Magazin vor der Belichtung entsprechend bestückt werden. Die verspiegelten Schriftscheiben waren nicht nur empfindlich. Sie waren sehr kostbar und wurden wie ein Schatz gehütet. Bei Typo Fröhlich lagerten sie in einem großen Tresor, denn sie hatten wegen des extrem hohen Anschaffungspreises sicherlich einen soliden Schwarzmarktwert. Um dies zu verstehen, muss man sich in alte Zeiten vor PostScript und digitalen Schriftlizenzen zurückversetzen: Wer bestimmte Schriften besaß, dem war die Zusammenarbeit mit Agenturen, die in ihren Kampagnen ebendiese verwendeten, sicher, besonders dann, wenn seltene Schriftarten benutzt wurden. Diejenige Setzerei, die über eine große Schriftensammlung verfügte, konnte damit entsprechend bei den Agenturen hausieren gehen. Es gab damals keine Alternativen in vergleichbarer Qualität. Heute ist dies trotz Font-Lizensierungen aufgrund der Flut von Bitmap-Schriften und Postscript-Derivaten natürlich ganz anders.

Schon früh erkannte man im Hause Berthold das Potential von Computern und begann bis 1980 mit der Entwicklung eigener Hard- und Software für den Schriftsatz. Mit schnellen Schritten gelang der erfolgreiche Sprung ins Computerzeitalter. Für gut 10 Jahre zählte die Aktiengesellschaft zu den den führenden Herstellern im Bereich des Electronic Publishing. Dank seiner technischen Innovationen, dem damals noch gültigen Qualitätssiegel „Made in Germany“, aber auch wegen der deftigen Preise, galt Berthold mit Fug und Recht als „der Mercedes unter den Satzsystemen“. Beeindruckend war nicht nur das Äußere dieser Maschinen, die sich einheitlich in einem (damals) ultramodernen Design von Senf- und Eidottergelb mit elfenbeinfarbendem Kunststoff präsentierte. Auf allen Geräten fand sich das dezente rote Quadrat der Marke, für deren Schriftzug selbstverständlich die Akzidenz Grotesk verwendet wurde. Alle Satzsysteme verfügten über riesige Keyboards mit einer Fülle von Sondertasten, mit denen der Setzer feststehende Befehle für das Satzprogramm ausführen konnte. Um ein Werk zu setzen, wurde eine Seitenbeschreibungssprache benutzt, die in gewisser Weise dem heute allgegenwärtigen HTML mitsamt schriftdefinierenden CSS-Klassen ähnelte. Als Setzer sah man nur den „matrix-ähnlichen“ Code auf einem grün-schwarzen Monochrom-Monitor vor sich, denn eine Layoutdarstellung – Grundlage des Desktop-Publishing – gab es noch nicht. Mittels Kodierung definierte man „blind“ alle relevanten Maße, Schriften, Schriftgrößen und Linien, grundsätzlich auf der Basis von x- und y-Koordinaten. Die automatisierte typografische Verarbeitung von Texten, im Sinne von Spationierung, Trennung und Umbruch war exzellent und sucht bis heute seines gleichen. Die Berthold AG konnte auf eine lange Tradition im Schriftsatz zurückblicken und wusste dieses Wissen programmtechnisch optimal zu nutzen. Durch den „Blindsatz“ war der Setzer außerdem zu einer akkuraten Arbeitsvorbereitung (AV) gezwungen. Hierfür wurde meist eine exakte Maßskizze, manchmal sogar auf Millimeterpapier angefertigt. Aus diesem Grund wirkten viele Satzarbeiten, die mit einem Berthold-System erstellt waren, zu Beginn von DTP-Zeiten (ca. ab 1987) wesentlich ansehnlicher. Das Drag-and-Drop-Prinzip bei Programmen wie Quark XPress oder Aldus Pagemaker (heute Adobe InDesign) verleitete viele „moderne“ Setzer dazu, „schluderig“ zu arbeiten, was oft zur Folge hatte, dass z.B. aufeinanderolgende Tabellen uneinheitlich gesetzt wurden. Erst mit Einführung von Libaries, Standardobjekten, Tabelleneditoren usw. wurde DTP qualitativ besser.

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Design pur: Eine Berthold TPS6000 mit drei Diskettenlaufwerken, Spezialtastatur, Programm-Monitor, hochformatigem Seitenbildschirm und eigenem Trägertisch. Rechts daneben ein Berthold TPU „Scheibenbelichter“, die dazugehörigen Schriftscheiben lagern sortiert in Holzkisten.

 

The three Chambers of Berthold

Bei Typo Fröhlich hatte man stets in die neueste Technik investiert. Auch wenn die Firma sonst vom Interieur her den Charme einer Amtsstube der 60er versprühte – den Setzerinnen und Setzern stand stets die Crème de la Crème satztechnischer Kreationen zur Verfügung. Zu Beginn meiner Ausbildungszeit hatten sich zwar schon mehrere Macs im „Balkon-Zimmer“ breitgemacht, der Rest der typografischen Abteilung befand sich jedoch nach wie vor fest in der Hand von Berthold-Setzern. Im Laufe des hausinternen Ausbildungsfahrplans musste man als „Stift“ drei Stufen dieser altehrwürdigen Methode durchlaufen, bevor man an die fröhlich quakenden Apple-Computer gelassen wurde: Im ersten Jahr wurde ich zunächst an das nikotinverseuchte ADS (Arabica) gesetzt, das etwas überholte „Akzidenz Dialog System“ mit Floppydisks von 1977. An diesem Ungetüm wurden bis zum Erbrechen einfache Stellenannoncen für das Giesserei-Magazin gesetzt. Da ich auf dem Gymnasium ein Jahr Russisch gelernt hatte, „durfte“ ich dort auch kyrillische Sonderdrucke des Giesserei-Verlags bearbeiten. Die russischen Texte musste ich mit einer übergestülpten kyrillischen Tastaturmaske erfassen, bei der kurze Metallstäbe die darunterliegenden Tasten des ADS-Keyboards betätigten, was oft nicht funktionierte. Die fehlerhaften Satzfahnen bekam ich dann später um die Ohren gehauen, woraufhin ich mir angewöhnte, auf die Tasten mit ausreichend „Schmackes“ einzuhacken. Das wiederum missfiel den anderen Setzern so sehr, dass ich fortan die russischen Texte auf einer eigens dafür angeschaften, kyrillischen Apple-Tastatur am Mac erfassen durfte.

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Die zweite Stufe des Berthold-Setzens waren Arbeiten am neueren TPS/MFT-System, wo vorallem „Fresssatz“ (Mengensatz), Tabellen und Formulare gesetzt wurden. Diese Computer waren wesentlich anspruchsvoller, vorallem waren sie schnell, in typografischer Hinsicht qualitativ brilliant und zudem an einen modernen Laserbelichter angeschlossen. Hier lernte ich, was einen guten Schriftsetzer ausmacht, und wie wertvoll ein professioneller Berthold-Setzer in der damaligen „Szene“ war. An den TPS wurden u.a. Hotelkataloge der Firma OLIMAR gesetzt – nicht die reich bebilderten Prospektkataloge, sondern die Beilagen, in denen auf mehreren hundert Seiten die Ausstattungsmerkmale der einzelnen Hotels tabellarisch aufgelistet waren. Jedes Jahr im Herbst wurden diese Kataloge für die kommende Saison gefertigt. Manchmal wurden dafür Freelancer, also freie Berthold-Setzer engagiert. So kam eines Tages ein braungebrannter, sonnenbebrillter Sunnyboy aka Surfer Dude in seinem Wrangler-Jeep angerauscht, um die Katalogaufträge abzuarbeiten. Wie er mir in einer Mittagspause verriet, verdiente er so den Sommer und Herbst über viel Geld, um die kalten Monate surfend im Süden Europas zu verbringen.

berthold-setzer

Die dritte und letzte Berthold-Stufe waren Arbeiten am damals revolutionären GraphicTerminal, einer SUN-Workstation mit echter Font-/Satzbilddarstellung und Mouse. Das eigens hierfür entwickelte, auf Unix basierende Programm ProfiPage erlaubte erstmals den Import von Strich-Grafiken – vorwiegend Logos – die auf anderen Systemen nach der Belichtung per Hand in die Druckfilme einmontiert/-kontaktet werden mussten. ProfiPage war exakt, innovativ (es gab bereits Ebeneneffekte) und vorallem schnell: bei reinem Text war das Programm dem PostScript-Format um den Faktor 10 überlegen. Mit den zwei Workstations, für die es bei Typo Fröhlich einen eigenen, klimatisierten Raum gab, wurden „feingliederige“ Aufträge, z.B. Reiseaufträge für den Patmos Verlag, CD-Booklets für KOCH International oder Verpackungsaufdrucke für Plange – allesamt mit winzigen Schriftgraden und umfangreichen Texten, die auf engstem Raum typografisch korrekt untergebracht werden mussten.

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Leider zu spät: Auch das innovative und typografisch überlegende Satzsystem „GraphicTerminal“ konnte die H. Berthold AG nicht mehr retten. DTP-Programme wie QuarkXpress oder Pagemaker konnten mittels Lizenzierung auf „jedem“ Apple Macintosh genutzt werden und waren nicht an teure, monopolistische Hardware gebunden. Berthold hatte auf das falsche Pferd gesetzt. Wegen Überschuldung wurde die Firma im Jahre 1993 liquidiert – ohne Rechtsnachfolger.


 

Berthold: Typografie mit Geschichte
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Text: © Hans-Christian Wichert
Abbildungen Satzsysteme: © H. Berthold AG, Berlin (liq. 1993)
Foto E1: © Typografisches Archiv H.C.Wichert
Grafik „Freelancer/Wrangler“; Composition + Vektoren: © H.C.Wichert
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