Erinnerungen an Typo Fröhlich V

 


Montage des Grauens

Im Westflügel des weitverzweigten Firmensitzes, noch hinter der grauen Stechuhr mit Hühnerleiter und dem nikotinfarbend gekachelten Abort, welches nicht nur wegen der arktischen Temperaturen gefürchtet war, befand sich die Repro- und Montageabteilung, in der – wie es der Name bereits verrät – Reproduktionen zu einem druckfähigen Produkt zusammenmontiert wurden. Dies geschah per Hand, mit Skalpell, Schere und vielen Metern Klebestreifen. Die „Montage“ selbst war ein länglicher Raum mit einem Wandbelag aus hellbrauner Rau(h)faser, braunem Linoleumboden, drei großen Leuchttischen und ausrangierten Schränken aus der Oberfinanzdirektion Düsseldorf. Sie diente nebenbei auch als Archiv für längst vergangene Großkunden, deren verstaubte Druckvorlagen man, wohl aus nostalgisch-abergläubischen Gründen, nicht entsorgen wollte. Vorallem aber galt diese Abteilung als Zufluchtsort derjenigen, die der Hektik des Schriftsetzertums für ein paar Minuten Smalltalk entfliehen wollten. Das heißt keinesfalls, dass hier nicht gearbeitet wurde – ganz im Gegenteil! – die aufwendigen Druckfilmontagen waren ein Knochenjob aus längst vergangenen Fotosatz-Zeiten, von denen sich viele Kunden noch immer nicht lossagen konnten.

Bevor sich DTP-Programme und Laserbelichter im Schriftsatz durchsetzen konnten, waren Klebeumbrüche gang und gäbe beim kundenseitigen Seitenlayout – d.h. Manuskripte wurden in Spalten gesetzt, mehrmals korrigiert (Hauskorrektur), dann auf Photopapier ausgegeben und schließlich dem Kunden übergeben. Deren Layouter klebte die Textspalten auf einem Satzspiegelbogen auf und schnitt sie z.T. auseinander, um Platz für Abbildungen zu schaffen. So entstanden damals Zeitschriften, ebenso alle anderen Druckerzeugnisse oder Werbemittel, die man sich denken kann, abgesehen von Akzidenzen vielleicht. Dieser Grundaufbau wurde dann nochmals korrigiert (Autorenkorrektur) und freigegeben. Nun wurde das Ganze mitsamt den von einer separaten Lithoanstalt gelieferten Abbildungen (aufgerasterte Photos auf durchsichtigem Filmmaterial) an uns zurückgesendet. Erneut wurden die Textspalten ausbelichtet, diesmal auf Montagefilm (durchsichtig). Aufgabe der Montage war es, das Seitenlayout exakt mit diesem Filmmaterial nachzubauen.

Auf einer leeren Montagefolie wurden die Spalten gemäß des jeweiligen Satzspiegels (in der Abb. oben als rotgepunktete Linie dargestellt) aufgeklebt und die gelieferten Photos eingestrippt, meistens mit doppelseitigem Klebeband. Wenn Linien gebraucht wurden, konnte man diese in der benötigten Strichstärke von einer speziellen Vorlage ausschneiden, die auf speziellem, selbstklebendem Material (Stripfilm) auf Vorrat angelegt wurden. Manchmal waren auch Logos einzumontieren (z.B. das bekannte IVW-Logo bei Zeitschriften). Sie lagen als saubere Reinzeichnungen vor und wurden mittels der Repro-Kamera auf Montagefilm übertragen. In mühevoller Arbeit entstand nun eine Montage der endgültigen Druckvorlage. Am Ende hatte man zusammengepuzzelte Seiten, oft mit mehreren Schichten Film übereinander, die von vielen kleinen Streifen Klebeband zusammengehalten wurden. Solch fragile Collagen konnten natürlich nicht der Druckerei übergeben werden. Aus diesem Grund waren zwei weitere Arbeitsschritte nötig: das sog. „Glattziehen“ via Negativ und Positiv.

Das „Glattziehen“ wurde im Nebenraum an einem riesigen Kontaktgerät vollzogen. Zunächst wurde von der zusammengeklebten Filmmontage ein Negativfilm hergestellt: Auf die Montage wurde ein unbelichteter Filmbogen gelegt und beides automatisch durch eine schwere ausrollbare Gummimatte abgedeckt. Damit beide Filmbogen möglichst eng aufeinander liegen, wurde nun die Luft unter der Gummimatte abgesaugt. Dann wurde mittels UV-Strahlung belichtet und somit das „Bild“ auf den neuen Filmbogen übertragen. Nach der Entwicklung in der Dunkelkammer hatte man ein Negativ, auf dem sich jedoch die Schnittkanten und Klebestreifen als feine (durchsichtige) Linien abzeichneten, da diese bei der Belichtung Schatten geworfen bzw. das Licht gebrochen hatten. Diese Linien mussten nun mit roter Farbe ausgedeckt werden. Dafür gab es eine spezielle Farbe und dazugehörige Pinsel. Größere Flächen konnten auch mit roten Klebestreifen oder selbstklebender Ulano-Folie abgedeckt werden. Leider zeichneten sich beim Negativkontakt auch Staubkörner ab, weshalb es Aufgabe der „Stifte“ war, diese sog. „Popel“ in den Negativen zu erkennen und auszudecken, was z.T. viel Geschick erforderte, da sich die Schadstellen oft inmitten von Textzeilen versteckten oder manchmal gar ganze Buchstaben unkenntlich machten.

Wenn die Ausdeckfarbe getrocknet war (dafür lag tatsächlich ein Fön bereit) konnte nun im gleichen Verfahren wie zuvor das endgültige Positiv hergestellt werden. Dieser glatte Film wurde dann der Druckerei übergeben. Typo Fröhlich betreute Kunden, für die noch bis Mitte der 1990er Jahre ganze Magazin-Rubriken in der Montage gefertigt werden mussten. Ein gefürchtetes, monatlich wiederkehrendes Projekt war z.B. das GIESSEREI Magazin. Für diese Zeitschrift wurde der gesamte Stellenmarkt montiert. Die Anzeigen wurden – als Übung für die Lehrlinge im 2. Jahr – mit Profi Page an der Berthold Workstation gesetzt. Die Montage musste diese im Satzspiegel verteilen, was viel Erfahrung verlangte, denn jede Anzeige hatte eine andere Höhe. Der Abstand zwischen allen musste jedoch gleich sein. Man nennt das senkrecht(es) Ausschließen. Wenn auch die Montage per Hand anachronistisch anmutete: Diese Arbeit war für die „Stifte“ im ersten Lehrjahr wichtig, da sie das typografische Auge sehr gut schulte. Man lernte so von Anfang an, was schon ein einziger Millimeter Versatz optisch für einen Unterschied machen kann.

„Ich hasse Montage“. Ein solcher, vermutlich aus einer Duplo®– oder Fritt®-Packung stammender Aufkleber, fand sich am altbackenen Rolladen-Schrank neben den Leuchttischen. Wieviel „Stifte“ sich darüber wohl amüsiert haben?

 

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Text: © H.C.Wichert
Titelbild: © AdobeStock | #136066338 | Urheber: Jne Valokuvaus
Grafiken Titelbild: © Hans-Christian Wichert
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