Der Linotype Schriftenreigen

Text: © Hans-Christian Wichert


Schriftmusterbücher der besonderen Art

Die Erfindung der Zeilensetzmaschine durch Ottmar Mergenthaler motivierte die typografischen Gestalter der Bleisatzära, Seiten mit mehrfach wechselnden Schrifttypen (die sog. Auszeichnung) zu layouten, da der schriftsetzerische Aufbau der Druckstöcke nun deutlich einfacher geworden war. Für ihre fauchende Zeilengießmaschine lizensierte und kreierte die Firma Linotype (von: „Lin[e] o[f] type“) eine Reihe von Schriftfamilien, um den wachsenden Bedarf an „typografischer Abwechslung“ zu decken. In der Regel fassten die Schriftgießereien ihr Angebot in dicken Wälzern zusammen, in denen die Schriften alphabetisch oder nach Schriftklassen sortiert in ihrem gesamten Zeichenumfang abgedruckt waren. Zur Veranschaulichung des Schriftcharakters wurde jeder Schriftschnitt oft zusätzlich als Blindtext oder als Pangram, beispielsweise durch die berühmte Phrase „The quick brown fox jumps over the lazy dog„, dargestellt.

Eine nette und sehr anschauliche Alternative zu den öden Schriftkatalogen gab die Linotype GmbH (Berlin/Frankfurt) in den 1950er und 1960er Jahren im Eigenverlag heraus: den Schriftenreigen. Bei diesem ehrgeizigen Buchprojekt traten die üblichen Schriftauflistungen gegenüber langen Beispieltexten, meist über zwei oder mehr Seiten, zurück. Zu jedem Font findet sich im Schriftenreigen ein ausgesuchter Prosa- oder Sachtext, ein Essay, vereinzelt auch ein Gedicht, wobei bei der Auswahl darauf geachtet wurde, dass Schriftcharakter und Textinhalt miteinander harmonieren. Begleitet werden die Texte von zeitgenössisch typischen Federzeichnungen des bekannten dtv-Illustrators Harald Bukor. Ein aufwendiger Leineneinband (Entuwrf: H. Richter) mit mehrfacher Prägung demonstriert, wie wohlhabend die monopolistischen Schriftgießereien zu dieser Zeit waren – Geld spielte bei diesem typografischen Gimmick offensichtlich keine Rolle. Die Abbildungen zeigen die Ausgaben von 1958 (gelber Einband) und 1962 (grüner Einband).


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Text: © Hans-Christian Wichert

Alle Abbildungen: © Typografisches Archiv H.C.Wichert
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