Der Lizenzgebühren wegen:
Netflix führt eigenen Font ein


Leaving Gotham

Aus für die Gotham als Hausschrift: Der zur Zeit sehr erfolgreiche Streaming-Anbieter und beliebte Serienproduzent Netflix zündet eine neue Stufe seiner Corporate-Identity-Strategie – ab sofort nutzt das internationale Unternehmen einen eigenen Font (Schriftart), die Netflix Sans. Die serifenlose Typo wurde in-house unter Leitung der für individuelle Corporate-Typefaces bekannten „Schriftschmiede“ (foundry) Dalton Maag entwickelt. Mit der Einführung der eigenen Schrift folgt Netflix anderen Großunternehmen wie beispielsweise Apple, Samsung oder Google, die bereits seit längerem selbstentwickelte Schriftfamilien nutzen.

Netflix Sans

Der neue Font zeigt schlanke, jedoch plakativ und halbfett anmutende Buchstaben, die durch die fehlenden Serifen sehr neutral wirken. Die konsequente Einschränkung auf eine sachliche Grundschrift ist beispielhaft, da nur so die Typo als einheitliches Unternehmensmerkmal (wieder)erkannt werden kann, und sie nicht mit den genretypischen Logoschriften der eigenen Serienproduktionen (z.B. „House of Cards“ oder „Stranger Things“) konkurriert. Einige Buchstaben sind individuell modifiziert, so wurden beispielsweise bei einigen Minuskeln diagonale Enden an den Oberlängen hinzugefügt und viele Majuskeln zeigen horizontale Verzerrungen. Laut Brand Designer Noah Nathan (Netflix) wirkt die Schrift dadurch „cineastischer“, was sich jedoch meiner Meinung nach erst in der Praxis beweisen muss. Der Netflix-Font wird überwiegend negativ in weißer Farbe auf dunkleren Hintergrundbildern eingesetzt. Damit folgt man dem aktuellen (?) Trend der youtube vlogger (z.B. Casey Neistat), welche diese Art der Typographie seit Jahren einsetzen. Ob dies langfristig Bestand haben kann, wird sich zeigen – die Netflix Sans wirkt auf positiv auf weißem Hintergrund jedenfalls nur halb so schön. Für den Font wurden die Schriftschnitte thin, light, regular, medium, bold und black entwickelt.

Hintergrund

PostScript-fähige Fonts werden in einem sehr aufwendigen Prozess von Schriftdesignern entwickelt, gezeichnet, digitalisiert, vektorisiert und i.d.R. durch Schrifthändler „verlegt“. Bevor Schriften digital kopier- oder reproduzierbar waren, erwarben große Schrifthäuser wie z.B. Linotype, H. Berthold AG oder Compugraphic die Rechte an professionell gestalteten Schriftarten, die sie dann in telefonbuchstarken Schriftkatalogen als Lizenzen anboten. Firmen wie Berthold verfügten sogar über exklusive Fonts (Akzidenz Grotesk, 1898) für deren Benutzung sie von den Setzereien viel Geld verlangen konnten. Im digitalen Zeitalter haben zwar kostenlose Open Fonts und günstige TrueType Web Fonts die Preise mittlerweile stark gedrückt, doch die Lizenzgebühren für professionelle PostScript-Schriften werden nach wie vor fällig. Die lizensierten Schriften sind allerdings technisch wie ästhetisch so ausgefeilt, dass ihr relativ hoher Preis gerechtfertigt ist. Schriftklassiker wie Futura (Paul Renner, 1927), Helvetica (Max Miedinger 1957), Frutiger (Adrian Frutiger, 1976) oder Rotis (Otl Aicher, 1988) werden nicht umsonst (literally) noch heute im Graphic Design verwendet. So auch die Gotham von Tobias Frere-Jones aus dem Jahre 2000. Mit dem Verzicht auf den Font betont Netflix also nicht nur die eigene Individualität, sondern spart nach eigenen Angaben außerdem „eskalierende“ Lizenzgebühren, denn mit jeder Veröffentlichung, auch im digitalen Streaming-Segment, wurden regelmäßig Gebühren fällig.

Netflix Sans: © Netflix/Dalton Maag (Noah Nathan, Tanya Kumar, Andre do Amaral, David Gallagher, Monique Adcock)
Alle Abbildungen: © www.itsnicethat.com (Netflix/Dalton Maag)

△